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Vor 100
Jahren, am 26. Dezember 1908, wurde der Amerikaner Jack Johnson
erster schwarzer Schwergewichtsweltmeister des Profiboxens. Bis ins
australische Sydney war Johnson dem kanadischen Weltmeister Tommy
Burns nachgereist, um ihn endlich zu stellen – und dann noch zu
gewinnen.
Eine schöne
Würdigung des Mannes, dessen Größe darin bestand, es niemandem Recht
und alles falsch zu machen, was wohlmeinende Menschen ihm als
richtig empfahlen.
Vor 100 Jahren:
Jack Johnson wird Weltmeister
Pionier des schwarzen Selbstbewusstseins
Von Christian
Eichler
Am 26. Dezember 1908 wurde Jack
Johnson erster schwarzer Schwergewichtsweltmeister

26. Dezember
2008 Er
hatte seine Beute lange jagen müssen. Quer durch Amerika, dann nach
England und Irland, schließlich bis Australien. Jack Johnson wollte
den Schwergewichtstitel. Tommy Burns floh, verschanzte sich hinter
gewaltigen Gagenforderungen. So wie alle seine Vorgänger schwarze
Herausforderer abgelehnt hatten. Der Titel aller Klassen? Es war der
Titel einer Rasse.
Doch Johnson
hatte alle geschlagen, und er war hartnäckig. Er reiste Burns bis
nach Sydney nach. Er fand einen Promoter, der dem Champion die
geforderte Börse von 30.000 Dollar garantierte. Burns musste sich
stellen, um sein Gesicht zu wahren. Und so erlebten mehr als 20.000
Zuschauer in der Rushcutter’s Bay am 26. Dezember 1908, vor hundert
Jahren, einen historischen Tag des Sports. Es war, ausgerechnet
durch die öffentliche, bezahlte Ausübung körperlicher Gewalt, auch
ein historischer Tag der Menschenrechte.
Die Polizei beendete den Kampf
Nach vierzehn Runden, als Johnson den Titelverteidiger bis zur
Hilflosigkeit zermürbt hatte, betrat die Polizei den Ring und
beendete den Kampf. Die überlieferten Filmaufnahmen brechen schon
vor dieser letzten Demütigung des weißen Mannes ab, sie sollte der
Welt erspart bleiben. Doch die Nachricht aus dem fernen Australien
ging um den Globus: Jack Johnson, der erste schwarze
Schwergewichts-Weltmeister. Jack Johnson, der erste Weltstar, der
nicht weiß war.
Es waren harte Zeiten, wenn man mit der falschen Hautfarbe geboren
war. Als Johnson 1878, Sohn ehemaliger Sklaven, in Texas auf die
Welt kam, war die Sklaverei in Amerika seit 13 Jahren abgeschafft.
Aber Schwarze blieben Menschen zweiter Klasse. In vielen Staaten
drohten ihnen Prügelstrafe und Lynchjustiz. Früh entwickelte Johnson
ein Gespür für das Meiden, das Fintieren, wurde einer der ersten
Meister in der Kunst der Defensive im Ring. Während der Kampfstil
der Zeit eher ein dumpfes Drauflosprügeln war, bis einer umfiel,
konnte Johnson den Gegner, den Kampf steuern. Zudem redete er
ständig im Ring, foppte den Gegner, provozierte ihn. Grinste breit,
zwinkerte ins Publikum. Er war nie zu fassen. Und wurde mit seinem
expressiven Selbstbewusstsein ein stetes Ärgernis für die Welt der
Weißen.
Vorbild für Muhammad Ali
Vieles davon
klingt wie eine frühe Version von Muhammad Ali. Und tatsächlich hat
Ali gesagt: „Jack Johnson war der einflussreichste Mensch in meiner
Karriere. Ich sah seine Defensivarbeit in Filmen und versuchte sie
zu kopieren.“ Wenige Stunden vor seinem Comeback-Kampf 1970 nach der
Sperre wegen seiner Kriegsdienstverweigerung sah Ali den Kampf von
1908. Darin winkt Johnson am Ende einer Runde Burns zu und sagt
höhnisch: „Bis gleich, Partner.“ Ali war beeindruckt: „Ich glaube,
das mache ich gleich auch mit Quarry.“ An diesem Abend boxte er wie
sein Vorbild, und nach dem K.o.-Sieg in Runde drei sagte Alis
Faktotum „Bundini“ Brown: „Ein Geist im Haus! Jack Johnson ist hier.“
Burns hatte,
wie später auch mancher Gegner Alis, das Pech, dass Johnson ihn
nicht nur schlagen, sondern ihm und der Welt auch eine Lektion
erteilen wollte. Damals wurden krude rassistische Vorurteile offen
ausgesprochen und publiziert: Schwarze seien stark, aber feige, und
hätten angeborene physische Nachteile: Mangel an Ausdauer und
Schwäche bei Bauchtreffern. Einmal im Kampf entblößte Johnson
demonstrativ die Deckung, zeigte seine gut trainierten Bauchmuskeln
und ließ Burns ungehindert hineinschlagen, ohne Wirkung, wobei er
ihn anfeuerte: „Guter Junge, Tommy.“ Der wütende Weltmeister
beschimpfte ihn als „Köter“. Am Ende erwartete Burns, wie es Johnson
in seiner Autobiographie nannte, „eine schlimme Bestrafung“.
Ein rotes Tuch
für das weiße Amerika
Es war nicht
die Art, mit der man sich Freunde macht. Das Grinsen des
Triumphators mit den goldenen Schneidezähnen, sein lustvoll
unmoralischer Lebenswandel, seine Vorliebe für Nachtklubs und
Gaunermilieus, für Champagner und Bordelle, für Rennwagen und
Maßanzüge und vor allem seine Vorliebe für weiße Frauen machten
Johnson zum roten Tuch für das weiße Amerika. Es ließ den Rassismus
so offen zu Tage treten, dass der Schriftsteller Jack London, der
für den „New York Herald“ über den Kampf berichtet hatte, einen
Appell startete, die „große weiße Hoffnung“ zu suchen. Sie sollte
den Titel der „überlegenen“ Rasse zurückgeben und „das goldene
Lächeln aus Johnsons Gesicht“ entfernen.
Doch niemand wischte das Lächeln weg. Fünf weiße Herausforderer
scheiterten, dann auch der frühere Weltmeister Jim Jeffries, der
gesagt hatte: „Ich kehre nur zurück, um zu zeigen, dass ein Weißer
besser ist als ein Neger.“ Auch ihn bestrafte Johnson, verprügelte
ihn in 15 Runden vor einem weißen Publikum, das „Kill the nigger“
skandiert hatte. Nach diesem ersten „Kampf des Jahrhunderts“ am
Nationalfeiertag 1910 in Reno gab es Rassenunruhen in vielen Orten
Amerikas, bei denen mindestens 14 Menschen umkamen.
Der letzte
Kampf auf 45 Runden
Im Ring
kriegten sie Johnson nicht klein. Sie schafften es anders. Sie
fanden ein Gesetz, das gegen Menschenhändler und andere
Schwerverbrecher entworfen worden war. Weil Johnson einer seiner
weißen Freundinnen ein Bahnticket geschickt hatte, um ihn in einem
anderen Bundesstaat kämpfen zu sehen, entdeckten sie im Gesetzestext
einen Hebel, den Weltmeister zu kriminalisieren: „die Beförderung
weißer Frauen über Staatsgrenzen zu unmoralischen Zwecken“.
1913 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, ließ er seine Autos nach
Hamburg einschiffen und floh über Kanada nach Frankreich, wo er
Schaukämpfe bestritt und den Lebemann gab. Bald war dort Krieg und
Johnson pleite, so willigte er 1915 in eine Titelverteidigung in
Havanna ein, gegen den riesigen, boxerisch unbedarften Jess Willard.
Es war der letzte WM-Kampf, der auf 45 Runden angesetzt wurde –
hätte man ihn wie die künftigen auf 20 Runden begrenzt (später 15,
heute 12), Johnson wäre, obwohl schon 37 Jahre alt und vom
Luxusleben verweichlicht, nach Punkten Weltmeister geblieben, wie
Nat Fleischer, der Begründer des Magazins „The Ring“, in seinem
Standardwerk zur Boxgeschichte festhielt.
Poseur und
Provokateur
Nach 26 Runden
in der kubanischen Hitze war er fertig. Die Weißen hatten ihren
Titel zurück. Johnson entzog sich fünf weitere Jahre in Europa und
Lateinamerika den amerikanischen Behörden, 1920 stellte er sich und
saß acht Monate ab. Er gründete einen Nachtklub in Harlem, den
späteren „Cotton Club“, geriet aber geschäftlich und privat ins
Abseits. 1946 starb er, als er mit seinem Lincoln Zephyr von der
Straße abkam.
Hat Johnson der schwarzen Sache geholfen oder geschadet? Darüber
gibt es unterschiedliche Meinungen. Mit der Art, wie er sich nicht
nur weigerte, die seiner Rasse zugedachte, dankbar unterwürfige
Rolle zu spielen, sondern im Gegenteil so auffällig und aggressiv
wie möglich die Pose des reichen schwarzen Dandys übernahm, war er
eine stete Provokation für das weiße Amerika. Und eher eine
Belastung für das schwarze. Der Schwarzen-Führer Booker T.
Washington, ein Mann der Annäherung, nicht der Konfrontation, sagte:
„Johnson schadet der schwarzen Sache mehr, als er ihr nutzt.“
Joe Louis
wurden Verhaltensregeln eingebimst
Muhammad Ali
sprach ein halbes Jahrhundert später ein anderes Urteil: „Er kam in
einer Zeit, als Schwarze glaubten, sie hätten nichts, auf das sie
stolz sein könnten, und er machte sie stolz.“ Johnson war der
Pionier einer neuen Zeit, der Zeit schwarzer Stärke. Nimmt man
Dempsey und Marciano aus, so waren alle großen
Schwergewichts-Champions des 20. Jahrhunderts Schwarze. „Alle von
ihnen stehen in der Schuld von Johnson“, urteilte die Londoner „Sunday
Times“ in einer Sammlung der fünfzig „großen Sportmomente“.
Dabei öffnete Johnson zwar die Tür für schwarze Sportler, schlug sie
aber auch wieder zu. Erst mit Joe Louis durfte 1938 wieder ein
Schwarzer um den Titel aller Klassen boxen, aber erst, nachdem ihm
sein Manager die nötigen Verhaltensregeln für die Karriere im weißen
Amerika eingebimst hatte: immer freundlich sein; nie mit weißen
Frauen fotografiert werden; nur reden, wenn man gefragt wird; und
nie lachen, wenn man einen Weißen geschlagen hat. Erst Jahrzehnte
später war die Zeit reif, die unterwürfige Pose zu beenden, die Zeit
für Sportler wie Ali und für Musiker wie Miles Davis, der dem Boxer
das Album „A Tribute to Jack Johnson“ widmete.
Bisher hat kein Präsident den ersten schwarzen Weltstar
rehabilitiert
Seit seinem
Tod hat es mehrere Initiativen für einen posthumen Freispruch
gegeben. Zum Beispiel vor drei Jahren durch Senator John McCain. Und
abermals vor drei Monaten durch den Senat, der George W. Bush
aufforderte, das Urteil von 1913 wegen dessen „Prägung durch
Rassendenken“ aufzuheben. Bisher hat kein Präsident den ersten
schwarzen Weltstar rehabilitiert. Aber nun wird ein neuer schwarzer
Weltstar Präsident.
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